Jahreslosung

Seid barmherzig, wie auch euer Vater barmherzig ist.

Verlag am Birnbach – Motiv von Stefanie Bahlinger (Ausschnitt)

Es gibt zwei Thesen, aus welchem Wortstamm unser heutiger Begriff „Barmherzigkeit“ stammt.

Die einen meinen, er käme vom althochdeutschen „arm-heri“. Das bedeutet: „Ein Herz für Arme haben“.

Andere meinen, der Begriff wäre dem Gotischen entlehnt und käme von „barms“/“bearm“ – was ursprünglich vom Begriff „Mutterleib“/“Schoß“ stammt.

Wenn ich Jesu Worte genau betrachte: „Seid barmherzig, wie auch euer Vater barmherzig ist“, meine ich, es könnte von beidem stammen. Jesus hat selbst uns seinen – unseren himmlischen Vater durch sein Reden und Handeln so vorgestellt, dass beides passt.

Er selbst hat sich denen besonders zugewandt, die nicht zu den Mächtigen seiner Zeit gehörten, sondern seinen Blick gerichtet auf die Schwachen, Beladenen: die Kranken, Hirten, Huren, Waisen, Witwen, Zöllner, Sündern…. Kurz: alle irgendwie „Armen“.

Ihr Leid geht Jesus „ans Herz“ und treibt ihn an Orte, die viele andere meiden.

Er geht nicht auf Abstand, sondern ist dort zu finden, wo die Starken dem von Gott gesandten Messias niemals suchen würden. Das begann auch schon mit der Geburt, die ganz menschlich beschrieben wird.

Verlag am Birnbach – Motiv von Stefanie Bahlinger (Ausschnitt)

Gerade war wieder Weihnachten und wir haben gestaunt, dass aus dem „Schoß“ der einfachen Frau Maria Gott selbst Mensch wurde und ins menschliche Leben trat, das unserem so gleich war.

Er stellt sich neben uns.

Das Bild zur Jahreslosung 2021 von der Künstlerin Stefanie Bahlinger erzählt auch davon.

Zum Untergrund ihrer Grafik hat sie ein einfaches Sackleinen gewählt – grob und rau wie die Kleidung mancher Mittelloser damals, zerschlissen und einfach oft auch heute noch.

Und sprichwörtlich gewählt auch für viele, die „in Sack und Asche“ gehen (müssten) – für alle, die wissen, dass im Leben eben nicht alles gelingt, sondern uns manchen Umweg aufzwingt oder man Fehler macht, Schuld auf sich lädt…

Verlag am Birnbach – Motiv von Stefanie Bahlinger (Ausschnitt)

Ob arm, mit Schuld beladen, unter den „groben“ und rauen Seiten von Leben leidend… - in deine Welt, zeigt die Künstlerin, kommt das göttliche Kind. So malt sie in die Mitte ein kleines, von warmem Rot umgebenes, Neugeborenes.

Rot ist die Liebe – hier Gottes Liebe, die in diesem Kind in diese Welt kommt, in die Niederungen seiner geliebten Schöpfung. Sie ist angedeutet durch den Ausschnitt des Erdenrundes dahinter.

In Jesus macht Gott sich greifbar – aber auch angreifbar.

Aus einem menschlichen Mutterschoß kommt er uns so nah, wie nie jemand zu denken oder gar zu hoffen gewagt hätte.

Gerade jetzt in dieser Corona-Pandemie ist diese Nähe Gottes besonderes wichtig, dem „nichts Menschliches fremd“ ist.

Gott ging und geht nicht auf Abstand, sondern verspricht: „Ich bin bei euch alle Tage bis an der Welt Ende“ (Mt28,20).

Verlag am Birnbach – Motiv von Stefanie Bahlinger (Ausschnitt)

Er hört unsere Freude über Gelungenes (und es gibt, wenn man genau hinsieht auch in dieser Zeit auch manches, was „irgendwie zum Freuen“ ist). Aber er geht auch mit durch die Dunkelheit, wie es schon damals hieß: „Und ob ich schon wanderte im finsteren Tal fürchte ich kein Unglück, denn du bist bei mir!“(Psalm 23,4)

Er ist bei mir – in Freude und Leid, Dunkelheit und Wohlergehen – und in Zeit und Ewigkeit. Darum sind ihm auch die vielen, denen diese Pandemie – trotz aller Vorsicht und Achtsamkeit, die viele leben – den Tod brachte, auch diese Verstorbenen, anvertraut.

Möge Gottes Liebe sie nun ganz an sein Herz nehmen – und sie unsere Hoffnung schauen, dass sein Herz es nicht zulässt, dass wir ihm verloren gehen, sondern wir in Ewigkeit dann verbunden bleiben.

In Jesus ging er mit uns Menschen bis mit in den menschlichen Tod. Und seine Auferstehung ist unsere Hoffnung, dass wir darauf vertrauen dürfen wenn er uns verheißt: „Ich lebe und ihr sollt auch leben“ (Joh. 14,19)

Auf der Bahlinger-Grafik ist ein Kreuz schon auf dem Krippenkind zu erkennen. Da ist nicht nur das niedliche Kind der vergangenen Weihnachtstage, sondern das Kreuz des Karfreitags und die Hoffnung von Ostern sind schon eingetragen.

Das Samenkorn, das in die Erde fällt – denn auch so sieht das Bild irgendwie aus – ist das, woraus wieder Leben wächst – neues Leben. Dieses neue Leben schenkt Hoffnung – Hoffnung über den Tod hinaus, aber eben auch Hoffnung für das Jetzt und Hier, unser menschliches Leben eben.

Gottes Barmherzigkeit soll eben schon mitten in diese Welt reichen – und kann auch mich zur Barmherzigkeit leiten.

Irgendwie sieht das Kind – das Samenkorn – auch aus wie ein Brotlaib. Jesus teilt sich – wie im Abendmahl – an jede und jeden von uns aus. Und wir sollen uns austeilen an die, die darum alle in ihm verbunden sind zu einem Leib Christi.

Was ihr für einen meiner Brüder oder eine meiner Schwestern getan habt - und wenn sie noch so unbedeutend sind - , das habt ihr für mich getan. (Matthäus 25,40 - Übersetzung der Basisbibel)

Jesus hat eine Welt ausgemalt, in der Menschen in seiner Nachfolge einander ihre „Herzen“ finden lassen.

Verlag am Birnbach – Motiv von Stefanie Bahlinger (Auschnitt)

Das kann - gerade in dieser Zeit - bedeuten, wirklich genau hinzuschauen, wo es Menschen in nah und fern an „Lebensmitteln“, an „Brot“ fehlt – im wörtlichen und übertragenen Wortsinn.

Corona lässt die Schere zwischen Arm und Reich, so belegen Zahlen, immer weiter auseinander klaffen.

Das ist in unserem Land so. Noch mehr sind davon aber Menschen in Ländern betroffen, denen es ohnehin schon nicht so gut ging.

„Brot für die Welt“ – darf nicht weniger werden, sondern wir müssen – auch wenn Heiligabendgottesdienste mit hohem Spendenaufkommen ausgefallen sind – Ideen entwickeln, wie die Ärmsten Hilfe finden können.

Und es kann nicht sein, dass sich die einen einen möglicherweise lebensrettenden Impfstoff „leisten“ können, während andere leer ausgehen, weil er dort nicht bezahlt werden kann.

Verlag am Birnbach – Motiv von Stefanie Bahlinger

Und auch bei uns sind manche in Existenznot und Sorgen – nicht immer nur finanziell. Es fehlt auch an Begegnungen, Gesprächen, Toleranz, Kreativität zum Helfen….

Jede und jeder ist da gefragt.

In Jesu Nachfolge sollte die Welt so sein, dass man sich ohne Probleme selbst ein „Herz“ nehmen darf, um Hilfe zu bitten, wo ich die nötig habe.

Und zugleich sollten die „Armen“ unsere Herzen öffnen, denn sie sind alle Kinder des einen „Vaters“ sagt Jesus. Manchmal sind sie angewiesen auf meine geschwisterliche Liebe und Barmherzigkeit, die dann von mir erwartet wird. Und manchmal kann sich auch das Blatt wenden - wie wir gerade in dieser Zeit deutlich sehen – und ich benötige etwas von einem anderen.

Geben und Nehmen – Nehmen und Geben.

Seid barmherzig, wie auch euer himmlischer Vater barmherzig ist“

Nehmt – und gebt weiter! Nicht mehr will Jesus hier – und auch nicht weniger!

 

Auslegung von Pfarrerin Eva-Maria Schnarre